Herder


Herder
Hẹrder,
 
Johann Gottfried von (seit 1802), Schriftsteller, Philosoph und Theologe, * Mohrungen 25. 8. 1744, ✝ Weimar 18. 12. 1803; Sohn eines pietistischen Kantors und Volksschullehrers; wurde 1761 Kopist bei dem Diakonus J. S. Trescho, in dessen Bibliothek Herder antike und zeitgenössische Literatur kennen lernte. 1762 begann er ein Studium der Medizin, dann jedoch der Theologie und Philosophie im preußischen Königsberg; wesentliche Anregungen erhielt er durch I. Kant, J. G. Hamann, A. A. C. Shaftesbury und J.-J. Rousseau. 1764 wurde er Lehrer an der Domschule in Riga, ab 1767 Prediger. 1769 ging er auf dem Seeweg nach Frankreich (Nantes, Paris), traf dort u. a. mit D. Diderot zusammen, reiste dann weiter über Holland nach Hamburg, wo er mit G. E. Lessing und M. Claudius bekannt wurde. Bei J. H. Merck in Darmstadt lernte er seine spätere Frau Caroline Flachsland (* 1750, ✝ 1809; Heirat 1773) kennen. In Straßburg, wo er versuchte, sein langwieriges Augenleiden zu lindern, kam es im September 1770 zur Begegnung mit Goethe, die für beide von nachhaltiger Wirkung war. 1771 wurde er Konsistorialrat beim Grafen zu Schaumburg-Lippe in Bückeburg. Durch Vermittlung Goethes wurde er 1776 als Generalsuperintendent nach Weimar berufen (1801 Oberkonsistorialpräsident). Zu seiner umfangreichen Amtstätigkeit gehörte die Aufsicht über das Schulwesen (maßgeblich an einer Schulreform beteiligt), 1788/89 begleitete er Anna Amalia auf ihrer Italienreise. Er gehörte zum Kreis der Herzoginmutter, befreundet war er auch mit Jean Paul.
 
Herders Gedanken und Denkanstöße sind für die deutsche und europäische Geistesgeschichte bis in die Gegenwart von zukunftsweisender Bedeutung und weit reichender Wirkung gewesen, besonders auf den Gebieten der Sprachphilosophie, der Geschichtsphilosophie, der Literatur- und Kulturgeschichte und der Anthropologie. Bereits in den Frühschriften der Rigaer Zeit zeichneten sich Herders Grundpositionen ab. Die »Fragmente«: »Über die neuere Deutsche Litteratur« (1767, 3 Bände) gelten der systematisierenden Ausarbeitung einer »pragmatischen Geschichte der Litteratur« unter Berücksichtigung der für sie maßgebenden politischen und sozialen Bedingungen und der Bestimmung der literarischen Normen; jedes Volk habe seine spezifische Dichtung; sie sei von dem Stand seiner Sprache, diese wiederum von den natürlichen und sozialen Gegebenheiten abhängig. Herders ästhetische Grundforderungen sind Zeitgemäßheit und Verständlichkeit, aus der er die Forderung nach Verwendung der Volkssprache, der »Muttersprache«, als Sprache der Literatur ableitet. In den »Kritischen Wäldern« (1769, 3 Bände) entwarf Herder gegen eine aus Axiomen deduzierende rationalistische Ästhetik das Programm einer empirisch-psychologischen Ästhetik. Im »Journal meiner Reise im Jahre 1769« (herausgegeben von seinem Sohn Emil Gottfried von Herder in: »J. G. von Herders Lebensbild«, 3 Bände, 1846, Nachdruck 1977) sind bereits alle Ideen, die Herder später entfaltete, programmatisch vorgeprägt. In der von der Berliner Akademie preisgekrönten »Abhandlung über den Ursprung der Sprache« (1772) setzt Herder die Sprache gegen die theologisch-orthodoxen wie gegen die rationalistischen Sprachtheorien der französischen Aufklärung zu den spezifischen, naturgegebenen anthropologischen Voraussetzungen in Beziehung: Durch seine Instinktschwäche, der auf der anderen Seite »Freiheit« und »Vernunft« entsprechen, ist der Mensch auf Sprache angewiesen. Sprache ist in ihrer gesellschaftlich bestimmten, zugleich naturgesetzlichen Entfaltung und Differenzierung in verschiedenen Einzel- beziehungsweise Nationalsprachen Voraussetzung und Medium universalen Lernens. 1773 gab er die Schrift »Von deutscher Art und Kunst« (darin u. a. sein »Auszug aus einem Briefwechsel über Oßian und die Lieder alter Völker« und Goethes »Von deutscher Baukunst«) heraus, die für die Bewegung des Sturm und Drang programmatische Bedeutung hat. In dem Werk »Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit« (1774), einer Vorstufe der Geschichtsphilosophie Herders, in der sich die religiöse Grundhaltung der Bückeburger Zeit dokumentiert, kritisierte Herder in scharfer, teils polemischer Form Rationalismus und Weltbild der Aufklärung, besonders ihr teleologisches Geschichtsdenken mit seinem Vernunft- und Fortschrittsoptimismus. In den »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit« (1784-91, 4 Teile) entwickelte Herder seine Geschichtsphilosophie v. a. unter dem Aspekt der »Organisation« und »Humanität« weiter. Das »Mittelgeschöpf« Mensch ist zur Humanität bestimmt, die in der Religion ihre höchste Form findet. Die zentralen Kategorien der Geschichtsphilosophie Herders sind Individualität, Entwicklung und Tradition als Überlieferung des Beständigen in der Geschichte. Volkstum wird als Sozialindividualität verstanden. In seiner von B. Spinoza beeinflussten Naturphilosophie (u. a. »Gott. Einige Gespräche«, 1787) negierte Herder die Vorstellung eines außerweltlichen Gottes und begründete die Göttlichkeit der Natur.
 
Herders dichterische Werke (lyrische Dramen, darunter »Brutus«, 1774) sind weniger bedeutend. Mit seiner Sammlung »Volkslieder« (1778-79, 2 Teile), die 1807 unter dem Titel »Stimmen der Völker in Liedern« erschien, wurde Herder zum Begründer der Volksliedforschung, sein Interesse galt v. a. den slawischen Liedern. - Als Theologe kann Herder als Vorläufer der liberalen Theologie gelten. In seinen Untersuchungen des Alten Testaments und Neuen Testaments nahm er zentrale Erkenntnisse der exegetischen Forschung, der Formgeschichte und Redaktionsgeschichte, vorweg. - Herders Werk wirkte über den Sturm und Drang hinaus auf die Philosophie der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts (Hegel, Schelling) und auf die Dichtung der Romantik. Durch seine historisch-genetische Geschichtsbetrachtung trug er zur Entfaltung der historischen Wissenschaften bei. Politisch gab seine Philosophie den slawischen Nationen Impulse für ihre Identitätsfindung.
 
Nach Herder wurden die Herder-Preise und die Herder-Institute benannt.
 
Weitere Werke: Älteste Urkunde des Menschengeschlechts, 4 Teile (1774-76); Vom Geist der Ebräischen Poesie, 2 Teile (1782-83); Briefe zur Beförderung der Humanität, 10 Teile (1793-97); Christliche Schriften, 5 Bände (1794-98); Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft, 2 Teile (1799); Kalligone, 3 Teile (1800); Der Cid (herausgegeben 1805, Romanzenzyklus).
 
Adrastea, 6 Bände (1801-03, Aufsätze, Betrachtungen, Gedichte; Herausgeber).
 
Ausgaben: Sämtliche Werke, herausgegeben von B. Suphan, 33 Bände (1877-1913, Nachdruck 1967-68); Briefe. Gesamtausgabe 1763 bis 1803, herausgegeben von K.-H. Hahn, 8 Bände (1977-84); Werke, herausgegeben von R. Otto, 5 Bände (61982); Briefe in einem Band, ausgewählt von demselben (21983); Werke, herausgegeben von W. Pross und anderen, auf 3 Bände berechnet (1984 folgende); Werke, herausgegeben von G. Arnold und M. Bollacher, 10 Bände in 11 Teilen (1985-94).
 
 
Im Geiste H.s, hg. v. E. Keyser (1953);
 E. Adler: H. u. die dt. Aufklärung (a. d. Poln., Wien 1968);
 W. Dobbek: J. G. H.s Weltbild (1969);
 A. Kathan: H.s Literaturkritik (21972);
 G. Günther u. a.: H.-Bibliogr. (1978);
 R. Haym: H. nach dem Leben u. seinen Werken, 2 Bde. (Neuausg. 1978);
 
J. G. H. im Spiegel seiner Zeitgenossen, hg. v. L. Richter (1978);
 
J. G. H., innovator through the ages, hg. v. W. Koepke u. a. (Bonn 1982);
 F. W. Kantzenbach: J. G. H. (22.-24. Tsd. 1986);
 
H. today, hg. v. K. Mueller-Vollmer (Berlin u. a. 1990).
 

Universal-Lexikon. 2012.

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